19.09.2017 / Energie-Allee

Aus vier mach viele

Früher war die Welt noch einfach: 80 Prozent des Stroms wurden von vier großen Unternehmen erzeugt. Mit den erneuerbaren Energien hat sich das dramatisch geändert. Aus vier wurden viele. Was wäre die Energiewende ohne die Vielfalt der Betreiber?

Herbert Vorlaufer ist Autodidakt in Sachen Windenergie. Inzwischen hat er in seiner fränkischen Heimat 14 Bürgerwindräder gebaut.

Das mittelfränkische Uffenheim gehört zu den Städten in Deutschland, die mehr Strom produzieren, als die Einwohner verbrauchen. Erneuerbaren Strom. Auf zahlreichen Dächern sind Photovoltaik-Anlagen installiert, vor allem aber stammt der Strom aus der Windenergie. Es ist zum größten Teil Bürgerenergie. Seit 2002 dreht sich hier das erste Windrad in Bürgerhand, eine Nordex S77 auf einem Gittermast, wie er heute nur noch selten zu sehen ist. Inzwischen stehen auf dem Gebiet von Uffenheim sechs Bürgerwindräder, eine weitere Anlage wird von den örtlichen Stadtwerken betrieben und sieben weitere in der Verwaltungsgemeinschaft Uffenheim. Mit allen hat Herbert Vorlaufer zu tun. Er ist einer der Pioniere – man könnte auch sagen, der „Vorlaufer“ – der Windenergie in seiner mittelfränkischen Heimat. Und er ist Autodidakt: „Das musste ich mir alles selbst beibringen“, sagt er. Heute steckt er ziemlich tief drin in den Details der Windenergie.
Im Jahr 2001 hat er sich mit ein paar Mitstreitern in die Idee verliebt, eine Windenergie-Anlage zu bauen. Damals gab es noch kein Windrad in der Gegend, wohl aber das Interesse von Investoren, welche zu bauen. Im Wirtshaus entstand dann der Gedanke: Das können wir auch selbst. Und dann haben sie losgelegt: Mit einem alten, umgebauten Baukran haben sie die ersten Windmessungen durchgeführt.

Windenergie als Hobby

Das waren die Anfänge der ersten Bürgerenergie-Gsellschaft in Uffenheim. Im Ortsteil Wallmersbach, Vorlaufers Heimatgemeinde, wurde eine Versammlung abgehalten, und anschließend hat sich das halbe Dorf an der Nordex-Anlage beteiligt. Vorlaufer war damals noch bei den Stadtwerken Uffenheim angestellt – bis zum vergangenen Jahr arbeitete er dort, 35 Berufsjahre. „Stadtwerker zu sein war ein schöner Job, aber irgendwann musste ich mich entscheiden. Am Anfang war die Windenergie ja nur ein Hobby, aber mit der Zeit wurde es immer aufwendiger“, erzählt er. Als beides nebeneinander nicht mehr zu bewältigen war, hat er sich für die Windenergie entschieden. „Und ich habe die Entscheidung noch keinen einzigen Tag bereut“, sagt Vorlaufer, während er in seinem Dachgeschossbüro sitzt. Sein Arbeitsplatz ist jetzt im Einfamilienhaus mit Garten. An der Wand hängt ein grüner Schal: „Erneuerbare jetzt“ steht darauf.
14 Bürgerwindräder hat der ehemalige Werkleiter inzwischen gebaut, alle in der Region, immer mit Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger vor Ort und immer in enger Zusammenarbeit mit den Gemeinden. In den letzten Jahren hat Vorlaufer die Anlagen gemeinsam mit juwi realisiert. „Am Anfang war ich schon skeptisch, weil wir das eigentlich selbst machen wollten. Aber das Genehmigungsverfahren ist inzwischen so komplex und aufwendig, dass wir einen erfahrenen Partner gesucht haben. Zudem lassen sich mit juwi wirtschaftliche Vorteile beim Einkauf der Anlagen realisieren“, sagt Vorlaufer. Die Skepsis ist gewichen, mit juwi-Projektmanager Daniel Koglin aus dem Regionalbüro in Dürrwangen hat der Geschäftsführer der Bürgerenergie-Gesellschaften ein sehr vertrauensvolles Arbeitsverhältnis. Gemeinsam haben die beiden Partner Ende 2014 vier weitere Anlagen in Uffenheim in Betrieb genommen.
Inzwischen ist das kleine Städtchen südlich von Würzburg einer der sechs Windstützpunkte in Bayern, einer der Orte, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, Aufklärungsarbeit zum Thema Windenergie zu betreiben. Immer mal wieder führt Herbert Vorlaufer Gruppen durch den örtlichen Windlehrpfad. „Was mich in der Diskussion oft stört, ist das Sankt-Florians-Prinzip: Windenergie ja, aber bitte nicht hier. Wenn ich grundsätzlich für die Windenergie bin, dann gibt es wenig Gründe, sie vor Ort abzulehnen“, sagt er. In Uffenheim und Umgebung leben sie jedenfalls gut mit der Art, wie sie ihren Strom erzeugen.


Sabine Schwarz leitet bei der Investmentgesellschaft KGAL das Assetmanagement Wind.

Viele Väter des Erfolgs

Geschichten wie die von Herbert Vorlaufer findet man viele in Deutschland. Mit der dezentralen Energieerzeugung mit Sonne, Wind und Co. ist aus einem Monopolmarkt einer mit vielen Betreibern geworden. Zu dieser Vielfalt tragen die vielen BürgerenergieGesellschaften einen großen Anteil bei – aber es sind auch andere, ohne die der Erfolg der Erneuerbaren kaum denkbar wäre: institutionelle Investoren, Projektentwickler, Gewerbebetriebe und natürlich die Stadtwerke. Der Anteil der großen Vier – E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall –, die über Jahrzehnte den Markt quasi unter sich aufgeteilt hatten, liegt im einstelligen Prozentbereich.
Rund 250 Kilometer weiter südlich, im schicken Münchner Vorort Grünwald, hat die Investmentgesellschaft KGAL ihren Sitz. Hier arbeiten mehr als 300 Finanz- und Anlageexperten, die für institutionelle Investoren langfristige Anlagemöglichkeiten mit stabilen Erträgen schaffen – Immobilien, Luftfahrt, Infrastruktur. Sabine Schwarz leitet bei der KGAL den Bereich Assetmanagement Wind. Sie verwaltet mit ihrem Team fast 60 Windparks, die die Investmentgesellschaft betreibt. Das klingt nach Großkapital – tatsächlich steckt in ihren Windparks das Geld von sehr vielen Menschen. „In unsere Fonds investieren institutionelle Anleger wie Versicherer und Pensionskassen, die so stabile Cashflows generieren, um damit beispielsweise die Altersvorsorgeerträge für ihre Kunden zu erwirtschaften.“ Die erneuerbaren Energien sind zu einer hoch begehrten Anlagealternative geworden – in der anhaltenden Niedrigzinsphase allemal.
Ihren ersten institutionellen Fonds im Bereich der erneuerbaren Energien hat die KGAL im Jahr 2009 aufgelegt. Damals handelte es sich noch um einen reinen Solarfonds. Inzwischen ist das Anlagespektrum breiter geworden, die Windenergie und vor Kurzem auch die Wasserkraft sind hinzugekommen. Der dritte Fonds wird gerade erfolgreich ausinvestiert, der vierte ist aufgelegt. Zusammengenommen wurden so fast 2,5 Milliarden Euro in Erneuerbare investiert. Gut 1.000 Megawatt umfasst das Kraftwerksportfolio der KGAL, mehr als 60 Prozent davon trägt die Windenergie bei. „Die erneuerbaren Energien sind einer unserer Kernmärkte“, erklärt Schwarz. Rund 21 Prozent des durch die KGAL verwalteten Anlagekapitals stecken in den Erneuerbaren, sie sind inzwischen der zweitgrößte Bereich nach dem Immobiliengeschäft, mit dem der Anlagespezialist im Jahr 1968 angefangen hat. „Wir haben hier in den vergangenen Jahren viel Kompetenz aufgebaut,

„Das Thema Windenergie macht mir unheimlich viel Spaß.“
Sabine Schwarz, Leiterin Assetmanagement Wind, KGAL

Mitarbeiter mit Branchen-Know-how eingestellt.“ Der ehemaligen Bankerin ist es wichtig, dass sie mit Herstellern und Betriebsführern auf Augenhöhe sprechen kann. Ihr wichtigstes Ziel: Die Erträge aus den Parks sollen kontinuierlich optimiert werden.

Gewachsene Zusammenarbeit

Knapp zehn Prozent des Erneuerbaren-Kraftwerksparks der KGAL wurden von juwi gebaut und befinden sich jetzt auch in der Betriebsführung der juwi Operations & Maintenance. Seit 2012 arbeiten die Unternehmen zusammen. Es ist eine Zusammenarbeit, die gewachsen ist. „Am Anfang war es noch etwas holprig, aber inzwischen arbeiten wir sehr gut zusammen“, sagt Schwarz. Damit meint sie nicht zuletzt Stefanie Heidrich, die aufseiten der juwi Operations & Maintenance die KGAL betreut. Und die bestätigt: „Die KGAL ist ein hochkompetenter Partner mit viel Fach-Know-how.“ Die Windrad-Modelle auf dem Schreibtisch von Sabine Schwarz in Grünwald sind alles andere als Staffage. „Ich mag meine Windräder, die Technik, mir macht das Thema unheimlich viel Spaß“, sagt Schwarz. Ihr ist es wichtig, dass auch die Kaufleute in ihrem Team die Parks persönlich sehen, in Sicherheitsschuhen und Bauhelm auch mal auf den Baustellen vorbeischauen.
Diese befinden sich längst nicht mehr nur in Deutschland. Die KGAL hat mittlerweile auch die Auslandsmärkte für sich entdeckt und ihren Investitionsfokus entlang der Wertschöpfungskette erweitert. „Für uns ist das Teil der Diversifikation, aber auch eine Reaktion auf das enge Angebot an Erneuerbare-Energien- Projekten in den etablierten Märkten wie Deutschland. Es ist schade, dass das Ausschreibungsvolumen so klein ist. So werden wir die Ausbauziele im Bereich der Erneuerbaren kaum erreichen.“
Auch Herbert Vorlaufer hat seine Wünsche an die Politik. Noch stärker als die Umstellung auf das Ausschreibungsmodell macht ihm in Bayern die 10-H-Regelung zu schaffen, mit der der Abstand zur Wohnbebauung quasi verdoppelt wurde. „Danach lässt sich in Gebieten mit vielen kleinen Ortschaften eigentlich keine Anlage mehr umsetzen.“ Weitermachen möchte er trotzdem. Das Thema hat ihn gepackt. Das gilt auch für Sabine Schwarz und viele andere, die in Bürgerenergiegesellschaften, Stadtwerken und bei Finanzinvestoren zu Produzenten von Ökostrom geworden sind.


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