20.03.2017 / Energie-Allee

Der Klang der Mühlen

Bei Windenergie-Projekten spielt der Schall eine wichtige Rolle. Dabei gibt es für die Genehmigung strenge Grenzwerte. Dass diese auch eingehalten werden, wird in der Betriebsphase mit Messungen vor Ort genau überwacht.

Susanne Andres und Nicola Delzeit (v.l.) bereiten die Genehmigungsunterlagen vor.

Die Tastatur klackert, die Lüftung des Computers arbeitet hörbar. Typische Bürogeräusche. Die Arbeit von Nicola Delzeit spielt sich in einem der vielen Räume am juwi-Hauptsitz in Wörrstadt ab. Aus dem Fenster sieht man die Anlagen des Windparks Wörrstadt. „Gehört habe ich sie eigentlich noch nie“, sagt die junge Frau.

Und trotzdem ist die Geräuschentwicklung von Windenergie-Anlagen für sie ein ziemlich großes Thema. Das hat mit ihrem Job zu tun. Sie ist Spezialistin für alle genehmigungsrechtlichen Fragen rund um das Thema Schall. Schon in der frühen Planungsphase spielt dies eine wichtige Rolle. Wer jemals bei einer Informationsveranstaltung für einen neuen Windpark dabei war, der weiß: Die Angst vor dem Lärm der Anlagen ist weit verbreitet. Da kann es dann schon mal laut werden – zumindest in der ein oder anderen Bürgerversammlung.

Strenge Grenzwerte, unterschiedliche Wahrnehmung

Welchen Schall die Anlagen in ihre Umgebung tatsächlich aussenden, das müssen Delzeit und ihre Kollegen im Rahmen des Genehmigungsverfahrens belegen. Die Vorschriften sind streng: Nachts dürfen in reinen Wohngebieten 35 Dezibel nicht überschritten werden, in allgemeinen Wohngebieten sind 40 Dezibel die Obergrenze. Das entspricht dem Ticken eines Weckers oder dem Ventilator des Computers.

Die Standortplanerin Susanne Andres kommt zu Delzeit ins Büro. Es geht um neue Windenergie-Anlagen in Schwegenheim im südlichen Rheinland-Pfalz. Die diplomierte Geografin kommt aus der Nähe von Bad Kreuznach, wohnt jetzt in Mainz. „Wenn ich bei meinen Eltern auf dem Land bin, ist es mir manchmal fast schon zu still“, erzählt sie. Die Wahrnehmung von Geräuschen ist eben sehr individuell. Das macht die Diskussionen so schwierig. Was ist störend und was nicht? „In unserer Arbeit müssen wir sehr wissenschaftlich an die Schallvorhersage herangehen, wir sind schon zu halben Physikern geworden“, berichtet die Stadtplanerin Delzeit.

Sie wirft eine Formel auf den Bildschirm. Hinter den einzelnen Buchstaben verbergen sich Variablen, die bei der Ausbreitung des Schalls eine Rolle spielen: Geländegeometrie, Abschirmungseffekte, Bodenbeschaffenheit.

Michael Dietl und Dorian Seiberth kümmern sich um die Schallmessungen vor Ort.

Auf der Suche nach dem Messpunkt

Was das in der Realität bedeutet, lässt sich am besten mit Michael Dietl und Dorian Seiberth herausfinden. Die beiden sind bei juwi dafür verantwortlich, dass der Schall der Anlagen nach Inbetriebnahme vermessen wird. Das ist häufig Vorschrift. Um herauszufinden, wie viel Lärm bei den Menschen in den umliegenden Gemeinden ankommt, wird die Lautstärke bei sehr hohen Windgeschwindigkeiten gemessen. Von Sturm kann heute keine Rede sein. Es ist einer dieser typischen Novembertage – nicht besonders kalt, dafür aber besonders nass. „Bei so einem Wetter könnte man definitiv keine Windmessungen vornehmen, der Wind ist viel zu schwach, und die Störgeräusche durch den Regen sind einfach zu stark“, erklärt Dietl.

Der diplomierte Volkswirt arbeitet schon seit fast 15 Jahren bei juwi und hat in dieser Zeit von der Projektfinanzierung bis zur Realisierung der Anlagen schon so ziemlich alles gemacht. Als die Anlagen zahlreicher und das Schallthema immer wichtiger wurde, hat
Dietl sich hierauf spezialisiert.

Vor ein paar Monaten hat er Unterstützung bekommen. Sein neuer Kollege ist der Maschinenbau-Ingenieur Dorian Seiberth. „Zu jedem Anlagentyp gibt es Herstellerangaben für die Schallemissionen. Unsere Aufgabe ist es, zu prüfen, ob diese auch eingehalten werden“, erklärt er.

Heute wollen die beiden eine Schallmessung für einen Windpark im nordwestlichen Rheinland-Pfalz vorbereiten. juwi baut in der Verbandsgemeinde Obere Kyll zwölf Windenergie-Anlagen. Vom Büro in Wörrstadt bis zur Vulkaneifel sind es rund zwei Stunden Fahrt, zuletzt über einen schlammigen Forstweg. Dietl und Seiberth sind mitten im Wald mit einem Messinstitut verabredet. Während sie warten, dreht sich über ihnen eine Anlage sehr behäbig. Zu hören ist von ihr bei dieser Windgeschwindigkeit nichts. Dafür ist das Geräusch der Schuhe bei jedem Schritt im Schlamm deutlich zu vernehmen.

Woher der Wind weht: Die Schallexperten beraten über den passenden Messpunkt.

Nach zehn Minuten erscheinen die Mitarbeiter des Messunternehmens: kurze Begrüßung, knappe Lagebesprechung, dann geht es in den Wald. Bei einem Waldstandort ist die Schallmessung eine Wissenschaft für sich. Bäume, Bäche, die gesamte Vegetation, alles hat Einfluss auf das Messergebnis. Deshalb werden die Messpunkte frühzeitig festgelegt.

Die Männer marschieren über eine Lichtung in Richtung einer kleinen Landstraße. „Mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühjahr wird es hier schwierig, dann kommen die Motorradfahrer, solche Störgeräusche würden eine Messung unmöglich machen“, erzählt Dietl. Aber die Hauptmessmonate sind ohnehin im Winter. Dann haben die Bäume ihr Laub verloren, und der Wind weht besonders stark. Nach einer guten halben Stunde Fußmarsch sind zwei mögliche Messpunkte für die erste Anlage festgelegt.

Auf der Karte sind die Schalllinien zu erkennen.

Derweil holt Delzeit in ihrem Büro eine Karte auf den Bildschirm. Der Plan zeigt den potenziellen Windpark Schwegenheim, die umliegenden Gemeinden, ein kleines Ausflugslokal, einen Campingplatz – eben alles, was es bei der Planung zu beachten gilt. „Hier kann man sehen, wie hoch die Schalleinwirkung ist, wenn die Anlagen unter Volllast laufen.“ Delzeit deutet mit ihrem Finger auf Linien. „Wir sprechen hier von Isophonen. Diese Linien zeigen, welche Schalleinwirkung durch den Windpark auf die Umgebung besteht“, erklärt ihre Kollegin Andres.

Schallmessung in der Dämmerung

Rund 40 Seiten umfasst das fertige Schallgutachten. Es ist fester Bestandteil des Genehmigungsverfahrens. „Gerade bei Parks mit Lärmvorbelastung müssen wir manchmal ziemlich viel planen. Da stecken dann viele Stunden Rechenarbeit drin“, erläutert Susanne Andres. „Um auch verschiedene Unsicherheiten bei den Daten abzudecken, kalkulieren wir immer einen gewissen Sicherheitszuschlag ein“, ergänzt ihre Kollegin Delzeit.

Zwei Tage später hat der Wind ziemlich aufgefrischt. Es ist später Nachmittag. Während auf den Straßen langsam schon der Feierabend-Verkehr beginnt, müssen Dietl und Seiberth in der heranbrechenden Dämmerung noch einmal raus. „Der Wind weht kräftig. Das ist jetzt ein optimales Wetter für eine Schallmessung“, sagt Dietl. Die beiden juwi-Mitarbeiter sind mit dem Messinstitut oberhalb des Dorfes Kerzenheim im Donnersbergkreis verabredet. Der Wind zeichnet wilde Wolkenformationen an den Himmel.

Direkt unter einer Vestas V126 mischen sich die Geräusche des Sturms und das, was die Rotorblätter daraus machen. In einem schnellen, gleichmäßigen Rhythmus durchschneiden die Flügel der Mühle die Luft. Die Anlage läuft jetzt unter Volllast, das heißt, die Stromproduktion ist am Maximum angelangt.

Das sind die Bedingungen, die die Schallmesser brauchen. Einer der Männer errichtet einen zehn Meter hohen Windmessmast. Der lange Stab biegt sich im Wind, der kleine Windmesser an der Spitze, das Anemometer, dreht sich rasend schnell. Unter der Anlage parkt der Kleinbus mit der Messausrüstung. Er ist die Messzentrale für die Schallmessung, der Messpunkt selbst liegt rund 200 Meter entfernt.

In der Dämmerung wird das Richtmikrofon für die Schallmessung im Windpark Kerzenheim aufgebaut.

Inzwischen ist es stockdunkel. Die beiden Männer des Messinstituts haben ein Richtmikrofon aufgebaut und bringen es jetzt in Stellung. Die Aufzeichnung beginnt. Der Wind weht mit gut zwölf Metern pro Sekunde. Die Signale des Richtmikrofons werden auf dem Computer im Inneren des Busses angezeigt. Der Wert am Messpunkt pendelt zwischen 50 und 55 Dezibel. So laut ist ein Fernseher bei normaler Zimmerlautstärke.

Die Messung läuft noch, als in den meisten Wohnzimmern zu Hause die 20-Uhr-Nachrichten der Tagesschau über die Bildschirme flimmern. Einige Wochen später werden Dietl und Seiberth die Ergebnisse auf dem Tisch haben. Und was passiert, wenn die Anlagen tatsächlich zu laut sind? „Dann müssen sie im Zweifelsfall gedrosselt werden. Das ist aber zum Glück die absolute Ausnahme“, berichtet Dietl.


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