23.03.2018 / Energie-Allee

„Die Stadt von morgen ist grün und blau“

Städte und Kommunen kommen nicht umhin, sich auf die Folgen des Klimawandels einzustellen. Dr. Ralf Schüle vom Wuppertal Institut spricht über den Klimawandel und die Möglichkeiten der Anpassung.

Dr. Ralf Schüle ist stellvertretender Forschungsgruppenleiter in der Forschungsgruppe Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts und Themenfeldkoordinator Klimaschutz und Klimafolgenanpassung in der nachhaltigen Stadt- und Regionalentwicklung.

Herr Schüle, warum beschäftigen sich Forschungsinstitute mit dem Thema Klimafolgenanpassung?

Selbst wenn es uns jetzt gelingen würde, beim Klimaschutz radikal umzusteuern, würde es sehr lange dauern, bis sich das positiv auf das Klima auswirken würde. Wir müssen uns daher dringend Gedanken über die Folgen des Klimawandels machen. Wir erleben bereits heute immer mehr Extremereignisse wie beispielsweise Stürme, Überflutungen und Hitzewellen. Außerdem sehen wir den Trend zu wärmeren, aber niederschlagsreicheren Wintern und heißeren Sommern mit einem Anstieg von extremen Hitzetagen. Das hat Folgen für viele Lebensbereiche, zum Beispiel für die Landwirtschaft und auch für Teile der Energiewirtschaft, wenn wir beispielsweise an zu warmes Kühlwasser für Großkraftwerke an Flüssen denken.

Gilt das auch für das Leben in der Stadt?

Auf jeden Fall. Hier sehen wir im Wesentlichen zwei Herausforderungen des Klimawandels: Hochwasser und Hitzewellen. Es wird also nötig sein, sich darauf einzustellen und entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Beim Thema Hochwasser hilft beispielsweise das Leitbild der wassersensiblen Stadtentwicklung. Es wird nicht reichen, die bestehende Abwasserinfrastruktur angesichts extremer und kaum planbarer Regenereignisse einfach immer weiter auszubauen. Stattdessen wird man den Abfluss großer Wassermengen über bestehende Oberflächen wie zum Beispiel Straßen prüfen und außerdem ausreichende Retentionsflächen zur langsamen Versickerung des Wassers bereitstellen müssen.

Gibt es bereits gute Beispiele hierfür?

Ja, zum Beispiel in Dortmund oder auch in Wuppertal: Die Stadt Wuppertal erstreckt sich rund 13 Kilometer entlang des Tals der Wupper. Dort haben entsprechende Kartierungen geholfen, bei extremen Niederschlagsereignissen die Abflüsse innerhalb der Stadtgebiete zu modellieren und sogenannte Hotspots zu identifizieren, also kritische Punkte im Stadtgebiet, in denen die oberirdischen Abflüsse zusammenlaufen. Maßnahmen wurden nun durch das Amt für Stadtentwässerung eingeleitet, diese kritischen Punkte deutlich zu entschärfen. Ein anderes Beispiel ist der Umbau der Emscher: Hier, im nördlichen Ruhrgebiet, zwischen Dortmund und Duisburg, dient die Renaturierung der Emscher zum einen der Modernisierung der Abwasserinfrastruktur in der Region und zum anderen der Schaffung neuer, qualitätsvoller Grünstreifen und Naherholungsbereiche für die anliegenden Städte.

Und was können die Städte gegen die Hitze tun?

Hier kommt es unter anderem darauf an, entsprechend viele Grün- und Wasserflächen zu schaffen. Grün und Blau sind die Farben der qualitätsvollen und lebenswerten Stadt von morgen. Das umfasst neben dem Erhalt und der Ausweitung von Grünflächen auch begrünte Dachflächen oder begrünte Hochhausfassaden wie in Mailand. Ein besonders gutes Beispiel ist das grüne Wohnzimmer in der Stadt Ludwigsburg: ein circa 140 Quadratmeter großer Bereich, bestehend aus Hecken und anderen Pflanzen, zum Aufenthalt bei hohen Temperaturen. Frischluft und Luftqualität sind wichtige Parameter für das Wohlbefinden in den Städten.

Vermutlich gibt es das alles nicht umsonst …

Richtig, aber es gibt viele Förderprogramme, insbesondere für die Konzepterstellung zur Klimafolgenanpassung, aber auch zur Finanzierung ihrer Umsetzung. In vielen Städten – vor allem wenn sie von solchen Extremereignissen schon einmal betroffen waren – gibt es bereits eine hohe Sensibilität für das Thema. Woran es wegen geringer personeller Kapazitäten und finanzieller Spielräume in vielen Städten und Gemeinden oft hapert, ist die Umsetzung derartiger Konzepte in strategisches Handeln. Zu stark stehen vor allen Dingen kleine und mittlere Kommunen unter Druck, den demografischen Wandel zu bewältigen, den ökonomischen Strukturwandel, die Energiewende, die Digitalisierung etc. Da bleibt für das Thema der Klimafolgenanpassung nur wenig Raum und politische Unterstützung.

Was könnte denn hier weiterhelfen?

Zunächst einmal belegen ja nahezu alle Kosten-Nutzen-Analysen, dass es volkswirtschaftlich günstiger ist, sich frühzeitig auf die Folgen des Klimawandels einzustellen und entsprechend zu planen, als später die Folgenbeseitigung bezahlen zu müssen. Das bedeutet beispielsweise für die Stadtplanung: Bei Um- und Neuplanungen sollte man Klimafolgenanpassungen in laufende Projekte integrieren. Klimafolgenanpassung ist kein Entwicklungshemmnis, sondern hilft, die Lebens- und Aufenthaltsqualität zu verbessern. Deshalb muss dieses Thema künftig eine wesentlich zentralere Rolle spielen als bisher. Es ist ein Irrglaube, mit weiterer Verdichtung und Versiegelung lebenswerte und qualitätsvolle Städte sowie ein vernünftiges Wachstum der Städte zu ermöglichen.


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