01.09.2015 / Komplexe Standorte

Logistik für Fortgeschrittene

Ein Produktionswerk in Ostfriesland, eine Baustelle am nördlichen Rand des Pfälzer Waldes – und dazu die Frage: Wie gelangen die riesigen Windenergie-Anlagen eigentlich zu ihrem Bestimmungsort?

Genau 52 Schritte: So viele braucht man, um den Lkw-Auflieger mit dem Rotorblatt von vorne bis hinten abzuschreiten. Vorausgesetzt, es sind große Schritte – solche, die ein Schiedsrichter macht, wenn er den Abstand der Mauer beim Freistoß festlegt. Zu Fuß lässt sich die Dimension der Flügel besonders gut erfassen.


Es ist der Abend des 16. September. In Europas Fußballmetropolen laufen gerade die ersten Champions- League-Spiele der Saison. Derweil warten auf einem unbeleuchteten Autobahn-Parkplatz mitten im Hunsrück drei Windrad-Flügel auf den Weitertransport. Königsklasse ist das auch: Die Männer, die die Fahrzeuge mit den Rotorblättern steuern, gehören zu den Meistern ihres Fachs. Thomas Galke ist einer der Fahrer. Er lenkt seit einem guten Jahr für die Spedition Bender die Lkw mit den Rotorblättern quer durch die Republik. Damit ist er noch einer der Neulinge bei diesen Sondertransporten. Es gibt Kollegen, die fahren seit fast 20 Jahren Flügel für Windenergie-Anlagen. Und es gibt andere, die werden es nie tun. Für sie sind diese Spezialfahrten einfach zu anspruchsvoll.


Das liegt an der Länge der Flügel. Die auf den Aufliegern sind exakt 48,6 Meter lang. Die Fahrer, die seit Langem dabei sind, haben die technische Entwicklung in der Windenergie hautnah miterlebt. Die Rotorblätter sind immer länger und die Türme immer höher geworden. Das ist gut für die Energiewende – schließlich lassen sich so im Binnenland deutlich höhere Erträge erzielen. Für die Fahrer sind die Herausforderungen damit allerdings immer weiter gestiegen.

Ohne ein gutes Auge, ein besonderes Raumgefühl und die nötige Ruhe ist dieser Job nicht zu meistern. Es sind durchaus Talente, die manchem Fußballspieler Ruhm und Ehre eingebracht haben. Davon können Galke und seine Kollegen nur träumen. Von den meisten Autofahrern werden sie eher als lästiges Hindernis denn als Helden der Straße wahrgenommen. Deshalb dürfen sie mit ihren Spezialtransportern auch nur nachts auf die Autobahn. Gestern um 22 Uhr sind sie vom Enercon-Werk in Aurich gestartet. Seit Anbruch des Tages stehen sie nun auf dem Rastplatz zwischen Koblenz und Bingen. Hier warten sie darauf, dass sie die letzten gut 100 Kilometer in Angriff nehmen können.

Je näher sich der Transport dem Ziel nähert, desto kniffliger wird die Angelegenheit. „Die Autobahnen sind meist nicht das Problem. Schwierig wird es auf den kleinen Landstraßen und in den Ortschaften“, erzählt Galke. Wer jetzt auf dem großen Parkplatz die ruhenden Rotorblätter auf dem Lkw-Auflieger sieht, der kann sich ohnehin kaum vorstellen, wie diese durch kleine Ortschaften oder über schmale Serpentinenstraßen an ihr häufig abgelegenes Ziel transportiert werden können. „Es gibt tatsächlich Fälle, in denen der Transport die größte Herausforderung für das gesamte Projekt ist“, erklärt Nico Baumann am nächsten Morgen. Baumann koordiniert für juwi den Bauprozess beim Projekt in Sippersfeld, für das die drei Windrad-Flügel bestimmt sind. Er ist ein Mensch, der eine positive Gelassenheit ausstrahlt. Heute Morgen ist auch Euphorie dabei. Natürlich: Sein Verein Borussia Dortmund ist gestern Abend mit einem Sieg in die Champions-League-Saison gestartet. Aber eigentlich ist es vor allem sein Projekt in Sippersfeld, das heute im Rampenlicht steht.

 

Viele Hindernisse für den 50-Meter-Transporter

Als er sich vor etwa zwei Monaten mit der Spedition vor Ort getroffen hat, um die Maßnahmen für die letzten Streckenkilometer festzulegen, da gab es noch ziemlich viele Fragezeichen. Enge Kurvenradien, unbefestigte Randstreifen, störende Schilder – es gibt unzählige Hindernisse, die einen solchen 50-Meter- Transporter stoppen können. Beim Windpark Sippersfeld war die Aufgabe besonders knifflig. Der Standort der drei Anlagen liegt auf einem Hügel im Wald. Die Straße hinauf auf den Bocksrück ist schmal und hat einige sehr enge Serpentinen. „Ein Ausbau der Strecke wäre nicht nur teuer gewesen – er hätte auch einen erheblichen Eingriff in die Natur bedeutet. Das wollten wir unbedingt vermeiden“, erzählt Baumann.

Sein Handy klingelt. Die Transportfirma ist dran. In Kürze soll das erste Rotorblatt auf den Selbstfahrer verladen werden. Seit kurz nach 3 Uhr stehen die drei Lkw auf einer Landstraße zwischen Ackerflächen direkt unterhalb der Autobahn 63 Richtung Kaiserslautern. Als Baumann zusammen mit zwei Kollegen an der Verladestelle ankommt, hat sich der morgendliche Nebel wie ein Vorhang für die Premiere gelichtet.


Ferngesteuerter 500-PS-Koloss

Direkt neben der Autobahnbrücke steht der Verladekran bereit – und Randolf Peters von der Spedition Bender. Der durchtrainierte Mann mit den dunklen Haaren wird gleich seinen Einsatz mit dem Spezialtransporter haben. Gegen 10 Uhr beginnt die Verladung des ersten Rotorblattes auf den Selbstfahrer. Alleine das ist sehenswert: Mit zwei kräftigen Seilen wird der 20-Tonnen-Flügel am Kran befestigt. Der Lkw setzt sich langsam in Bewegung, und schon schwebt das Blatt unter der Autobahnbrücke in der Luft. Mit einer beeindruckend großen Fernbedienung setzt Peters den seitlich geparkten Selbstfahrer in Bewegung. Wenige Minuten später wird der Windrad-Flügel mit 140 riesigen Schrauben festgeschraubt. Es sind enorme Kräfte, die auf die Halterung wirken, aber das ist dieser nicht anzusehen. Als Peters das 500 PS starke Gefährt mit der so unspektakulären Bezeichnung FTV 300 losfahren lässt, meint man, die Kraft auf der Straße förmlich zu spüren. In Schrittgeschwindigkeit geht es den Berg hinauf. Vorneweg Peters. Dann der Selbstfahrer. Dahinter Peters‘ Kollege, der beim Steuern unterstützt. Und dann ein Tross mit einem guten Dutzend Fachleuten der beteiligten Firmen. Wer ein Handy griffbereit hat, fotografiert das Schauspiel.

Nach wenigen Metern wartet schon das erste Hindernis. Um die Stromleitung nicht zu streifen, muss der Flügel wieder abgesenkt werden. Die Hürde ist genommen, und es geht bergauf in den Wald. Dreieinhalb Kilometer ist die Strecke lang. Gespickt mit engen Kurven, in denen sich zeigt, wozu der Achtachser in der Lage ist. Äste ragen auf die Straße. Wie bei einem Geschicklichkeitsspiel muss das Rotorblatt hindurchmanövriert werden. Von Peters fordert das volle Konzentration. Immer wieder muss das Rotorblatt abgesenkt und aufgerichtet werden. Der Weg hinauf auf den Bocksrück bringt alle ins Schwitzen.


Als der Tross nach einer guten Stunde den Windpark erreicht, macht sich Erleichterung breit – der Plan ist aufgegangen. „Die Transportphase ist die spannendste im ganzen Realisierungsprozess, weil die Gegebenheiten immer wieder neu sind“, sagt Nico Baumann. Den Rückweg in sein Büro kann er mit dem guten Gefühl antreten, dass dieses Mal wieder alles funktioniert hat. Randolf Peters wird nach der Mittagspause noch ein weiteres Rotorblatt auf den Bocksrück steuern. Lkw-Fahrer Thomas Galke ist derweil längst wieder auf der Autobahn. Die nächsten Rotorblätter in Aurich warten schon.


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Felix Wächter
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