27.02.2018 / Energie-Allee

Mitten im Klimawandel

Während für den Großteil der Bevölkerung in Deutschland der Klimawandel weit weg in Indien oder der Karibik stattfindet, haben Landwirte und Waldbesitzer schon heute mit den Auswirkungen zu kämpfen.

Andreas Hattemer, Winzer
Andreas Hattemer, Winzer

Als der Winzer Andreas Hattemer Anfang der 1990er Jahre sein Weinbaustudium an der Hochschule in Geisenheim im Rheingau absolvierte, da war die Erderwärmung noch kein wirkliches Thema. Zumindest nicht auf den Lehrplänen des renommierten Weinbauinstituts und schon gar nicht in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit. Inzwischen ist der Klimawandel fester Bestandteil von Forschung und Lehre – vor allem aber: Er ist spürbar in der deutschen Landwirtschaft angekommen. 

In vielen Obst- und Winzerbetrieben in Deutschland waren die Folgen der Klimaveränderungen im Jahr 2017 besonders deutlich zu spüren: „2017 war das mengenmäßig schlechteste Weinbaujahr, an das ich mich erinnern kann“, erzählt Hattemer, der aus dem rheinhessischen Gau-Algesheim kommt. Ein knackiger Frost am 20. April hat die Wein- und Obstbauern in vielen Regionen Deutschlands kalt erwischt. Die Apfelernte in Deutschland hat sich innerhalb eines Jahres quasi halbiert und war so schlecht wie seit 26 Jahren nicht mehr. Auch Kirschen, Erdbeeren, Pfirsiche und eben die Weintrauben litten stark unter dem Aprilfrost.

Frühe Blüte, später Frost

„Der Frost allein ist nichts ungewöhnliches, den gab es früher auch, sogar noch spät bis in den Mai hinein“, erzählt Hattemer. Das Außergewöhnliche ist das, was sich in der Natur in den Wochen und Monaten zuvor abgespielt hat: Der Austrieb der Pflanzen hat sich immer weiter nach vorne verschoben. Das macht sie anfällig für späte Fröste, die es immer wieder gibt.

Natürlich sollte man sich beim Thema Klima davor hüten, ein Jahr als Beleg für langfristige Veränderungen heranzuziehen: Fakt aber ist: In den letzten 20 Jahren hat sich der gesamte Vegetationszyklus immer weiter nach vorne verschoben. „Früher haben wir manchmal erst Anfang Oktober mit der Weinlese begonnen, 2017 hatten wir schon Ende August die ersten Trauben im Keller“, berichtet Hattemer und hat dazu auch noch ein anschauliches Beispiel parat: In seinem Heimatort wird traditionell am zweiten Oktoberwochenende das Fest des jungen Weines – also des Federweißen – gefeiert. Hattemers Vater hatte bisweilen noch das Problem, den Federweißen rechtzeitig fertig zu bekommen. Er selbst muss inzwischen darauf achten, dass er zum Fest überhaupt noch jungen Wein verkaufen kann.

"Wir müssen uns auf längere Trockenheitsphasen und gleichzeitig Starkregenereignisse einstellen."
Andreas Hattemer, Winzer

Was sich aus solchen Beispielen ablesen lässt, belegen auch die Statistiken. Seit dem Jahr 1881 ist die Durchschnittstemperatur in Deutschland um 1,3 Grad Celsius gestiegen. Das freut vielleicht den Eisverkäufer auf dem Gau-Algesheimer Marktplatz nur wenige Meter entfernt von Hattemers Betrieb, dem Winzer selbst bereitet es eher Kopfzerbrechen. Er muss sich auf neue Gegebenheiten einstellen. In den einstigen Bestlagen besteht heute die Gefahr, dass die Trauben zu früh reif werden.  Wenn dann im Spätsommer ein schwerer Gewitterguss kommt, platzen die reifen Trauben auf und beginnen zu faulen.

Trockenheit und Starkregen

Längst hat Andreas Hattemer damit begonnen, sich – dort wo es möglich ist – auf die veränderten Bedingungen einzustellen. Im Jahr 2007 hat er seinen 8,5 Hektar großen Betrieb komplett auf ökologischen Weinbau umgestellt. „Der ausschlaggebende Punkt war für mich der Umgang mit den Böden“, erzählt der Winzer. Er hat ein intensives Begrünungsmanagement eingeführt, um die Böden vor Trockenheit und Erosion zu schützen. „Mit dem Klimawandel müssen wir uns auf längere Trockenheitsphasen und gleichzeitig auf Starkregenereignisse einstellen, durch die der Boden abgespült wird“, erklärt Hattemer. Der Grünteppich in seinen Weinbergen hält die Erde länger feucht, schützt sie vor Erosion und bietet zudem Insekten Nahrung und Lebensraum.

Andreas Hattemer ist einer, der sich viele Gedanken darüber macht, welche Auswirkung der Klimawandel auf die Landwirtschaft hat – und einer, der sich engagiert. Im Jahr 2015 wurde er Vorsitzender des Bundesverbands ECOVIN, dem Zusammenschluss deutscher Winzer, die sich dem Ökoweinbau verschrieben haben. Dadurch hat er mit Winzer-Kollegen in ganz Deutschland zu tun. „Inzwischen werden in vielen deutschen Weinbauregionen Rebsorten wie Merlot oder Cabernet Sauvignon, die eigentlich den Südeuropäern vorbehalten waren, ganz selbstverständlich angebaut“, berichtet er. Was zunächst durchaus positiv klingt, hat auch Kehrseiten: Gerade in den Anbauregionen im Süden Deutschlands sorgt die Wärme dafür, dass die typischen Attribute deutscher Weine wie Fruchtigkeit und Säure in extremen Jahren verloren gehen. Zudem breiten sich mit dem verändernden Klima auch Krankheiten und Schädlinge aus dem Mittelmeerraum nach Norden aus.

Deuthold von Gaudecker, Privatwaldbesitzer
Deuthold von Gaudecker, Privatwaldbesitzer

Auch Waldbesitzer beobachten Veränderungen

Einen möglichweise höheren Schädlingsbefall in Folge veränderter klimatischer Bedingungen kann sich auch Deuthold von Gaudecker gut vorstellen. Der 79-jährge Privatwaldbesitzer bewirtschaftet 400 Hektar Mischwald in Haunetal, im osthessischen Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Die Themen Nachhaltigkeit, Natur und Forstwirtschaft begleiteten ihn bereits sein gesamtes Leben. Zunächst als Student der Forstwirtschaften an der Uni-Göttingen, später als Forstamtsleiter des ehemaligen niedersächsischen Forstamtes i Kattenbühl in Hann. Münden, anschließend beim Regierungsbezirk Hannover, wo er als Holzverwertungsdezernent und Forstinspektionsbeamter tätig war. 1990 übernahm er gemeinsam mit seiner Frau den Forst der Schwiegereltern im hessischen Haunetal.

Wie Hattemer, weiß auch von Gaudecker von klimatischen Veränderungen zu berichten: „Mein Eindruck ist, dass wir seit einigen Jahren wärmere, dafür aber niederschlagsreichere Winter und trockenere Frühjahre haben. Vor allem für die Fichte wird dies zunehmend zum Problem.“ Denn vor allem in den nassen Böden findet sie nicht ausreichend Halt. Bei plötzlich auftretenden Starkwinden, wie wir sie in den vergangenen Sommern erlebten, fallen die Bäume dann leichter um. „Das am Boden liegende Totholz zieht dann die Schädlinge an“, erklärt der Forstexperte. Und wie zum Beleg zeigt er bei der gemeinsamen Inspektion seines Reviers auf eine über Nacht vom Wind umgedrückte Fichte.

Auch Laubbäume wie die Eiche und , die Buche haben mit den veränderten klimatischen Bedingungen zu kämpfen. „Die Buche ist an gleichmäßig durchfeuchtete Standorte angepasst. Bei längeren Trockenphasen kann es zu  Trockenstress verbunden mit komplexen Krankheiten kommen“, erklärt von Gaudecker.“ Nicht nur für Forstbesitzer sind kranke Bäume natürlich mehr als ein ökologischer Schaden, schließlich sind die Bäume das Kapital dieser und kommender Generationen und ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor.


"Das Ziel ist gut durchmischter Nadel- und Laubholzwald."
Deuthold von Gaudecker, Privatwaldbesitzer

Neben den veränderten klimatischen Bedingungen ist es vor allem die Luft- und Bodenqualität, die dem Wald zu schaffen macht. Denn mit der wachsenden Industrialisierung haben diese enorm gelitten. Vor allem der Stickstoff- und Schwefeleintrag  verursacht durch Industrie, private Haushalte, Landwirtschaft und den stetig steigenden Verkehr lässt die Waldböden versauern – mit der Folge, dass sich ganze Pflanzengesellschaften verschieben. Wo einst Heidekraut und Blaubeeren weite Bereiche von v. Gaudeckers Waldboden bedeckten, wuchern heute zunehmend Brennnesseln und Brombeeren. Beides sind so genannte Zeigerpflanzen für einen erhöhten Stickstoffgehalt im Boden. Was die Natur anzeigt, wird von einem wissenschaftlichen Gutachten, das von Gaudecker für seinen Forst hat anfertigen lassen, bestätigt. Teile des Waldbodens sind nach wie vor übersäuert – trotz regelmäßig durchgeführter Kompensationskalkungen, die der Übersäuerung entgegen wirken sollen. Alle zehn Jahre muss der passionierte Forstwirt seinem Boden auf diese Weise helfen. Seit mehr als dreißig Jahren kämpft er gegen die Versauerung seines Bodens.

Entscheidung für Generationen

Als Forstwirt ist es von Gaudecker gewöhnt in Generationen zu denken. Doch wie sichert man in Zeiten des Klimawandels, saurer Böden und belasteter Luft den Waldbestand für seine Enkel und Urenkel? Schließlich brauchen die Bäume  achtzig, hundert, hundertfünfzig Jahre bis sie gefällt und vermarktet werden können. Die Entscheidungen, die von Gaudecker heute trifft, haben unmittelbare Auswirkungen auf die Erträge künftiger Generationen. Erste Weichenstellungen hat er daher frühzeitig getroffen. „Die Douglasie kommt mit den veränderten klimatischen Bedingungen offenbar besser zurecht als die Fichte. Daher haben wir den Baumbestand stärker durchmischt, den Fichten- und Buchenbestand leicht reduziert, dafür den Douglasienanteil weiter ausgebaut. Das Ziel ist ein gut durchmischter Nadel- und Laubholzwald mit Kiefern, Douglasien, Buchen, Eichen, und reduziertem Fichtenanteil.“

Um das wirtschaftliche Risiko für seine Nachkommen weiter zu minimieren, setzt von Gaudecker auch auf alternative Einnahmenquellen. Vier Windenergie-Anlagen sollen sich künftig oberhalb des Forsthauses über den Wipfeln des Waldes drehen, die Einnahmen aus der Pacht dabei helfen, die durch Industrialisierung und Klimawandel auftretenden Schäden am Forst möglichst gering zu halten. „Nur ein intakter Wald bietet auch künftigen Generationen saubere Luft, Lebensraum für viele Tier- und Insektenarten und ein Erholungsgebiet direkt vor der Haustür“, erläutert von Gaudecker seine Beweggründe. Dass der Wald diese Funktionen auch künftig erbringen kann, daran wird er auch in den kommenden Jahren weiter arbeiten. 


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