01.01.2017 / Featured Article, Energie-Allee

„Müssen alle Sektoren miteinander vernetzen“

Wer Energiewende sagt, meint heute in erster Linie den Bereich der Elektrizität. Sollen auch die Wärmeversorgung und der Verkehrssektor in Deutschland kohlendioxidfrei werden, muss die regenerative Stromerzeugung deutlich schneller ausgebaut werden.

Der Wissenschaftler Volker Quaschning erläutert sein Konzept der Sektorenkopplung.

Herr Professor Quaschning, was sind die großen Trends bei der Energieversorgung mit Blick auf die nächsten zehn bis 20 Jahre?

Wenn wir das Pariser Klimaschutzabkommen ernst meinen und die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen wollen, muss unsere Energieversorgung
spätestens in gut 20 Jahren ganz ohne Erdöl, Erdgas und Kohle auskommen. Das gilt für die Stromversorgung genauso wie für den Wärmebereich und den Verkehr. Für die letzten beiden Sektoren wird der Bedarf an klimaneutralem Strom aus Solar- und Windkraft-Anlagen deutlich  ansteigen, und die Energiewende kann letztendlich nur gelingen, wenn wir alle Sektoren miteinander vernetzen.

Nach Ihrem Konzept der Sektorenkopplung wird Strom also nicht nur für Elektrizität gebraucht.
Welche Größenordnung bei den regenerativen Erzeugungskapazitäten ist dafür notwendig?

Wenn wir uns im Effizienzbereich enorm anstrengen, wird der Strombedarf für die vollständige Dekarbonisierung „nur“ auf gut das Doppelte ansteigen. Ansonsten brauchen wir noch viel mehr Strom. Derzeit decken erneuerbare Energien rund ein Drittel des Strombedarfs ab. Das bedeutet, wir müssen die regenerative Erzeugung in Deutschland in den nächsten 20 bis 25 Jahren mehr als versechsfachen. Wir reden dann über 200 Gigawatt Wind an Land und über 400 Gigawatt Photovoltaik.

Welche Vorteile bringt es denn, wenn die drei Bereiche zusammenwachsen?

Erst einmal sind Wind- und Solarstrom die einzigen Optionen, auch die Wärme und den Verkehr vollständig zu dekarbonisieren. Uns bleibt also gar nichts anderes übrig, als die drei Bereiche zusammenzubringen. Auf der anderen Seite lassen sich so auch Überschüsse aus Solar- und Windkraft-Anlagen leichter nutzen, indem diese für die Wärmeversorgung
und den Verkehr verwendet werden.

Schon heute gibt es zunehmend Widerstände gegen den Bau von Windparks. Wie lässt sich da
der weitere Ausbau bewerkstelligen?

Hier ist es enorm wichtig, die Bürger vor Ort frühzeitig in die Standortplanung einzubeziehen und ihnen finanzielle Beteiligungsmodelle für alle Parks anzubieten. Statt die Bürgerbeteiligung zur Pflicht zu machen, drückt die Regierung gerade Ausschreibemodelle durch, die diese Aspekte nur am Rande berücksichtigen. Das ist eine fatale Entwicklung und ausgesprochen kurzsichtig gedacht.
Stichwort Energieeffizienz: Die Forderung, Energie zu sparen, ist alt.

Warum geht der Verbrauch nicht deutlicher zurück?

Weil unser Wohlstand immer mehr steigt. Der Fernseher wird sparsamer, aber größer, und dann
kommt noch ein zweiter hinzu. Die richtig großen Effizienzpotenziale müssen aber erst noch gehoben werden. Elektromotoren müssen Verbrennungsmotoren mit ihren mageren Wirkungsgraden um die 30 Prozent ersetzen, und Wärmepumpen können den Energiebedarf zum Heizen um den Faktor zwei bis fünf senken. Damit sinkt der Gesamtenergiebedarf enorm, gleichzeitig steigt aber der Strombedarf weiter an.

Für Windprojekte, das Rückgrat der Energiewende, gibt es zukünftig einen gesetzlich festgeschriebenen Ausbaudeckel, der deutlich unter den Zubauraten der letzten Jahre liegt. Welche politische Änderung ist besonders dringlich aus Ihrer Sicht, wenn wir das Tempo der Energiewende um den Faktor vier oder fünf steigern wollen?

Mit dem jetzigen Tempo ist die deutsche Energiewende erst im Jahr 2150 beendet. Damit können wir den Klimaschutz in Deutschland komplett vergessen. Wir brauchen Ausbaukorridore, die sich an den Klimaschutzzielen orientieren. Je mehr wir danebenliegen, desto mehr muss künftig gebaut werden. Dafür sollte das inzwischen total vermurkste EEG durch ein modernes Klimaschutzgesetz abgelöst werden.

„Das inzwischen total vermurkste EEG sollte durch ein modernes Klimaschutzgesetz abgelöst werden.“
Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme

Außerdem ist es absurd, dass Wärmepumpen, die mit Photovoltaik-Anlagen laufen, mit einer Eigenverbrauchsabgabe belastet werden, während fossiles Heizöl weitgehend von Abgaben befreit ist. Die Eigenverbrauchsumlage auf erneuerbaren Strom muss weg, und stattdessen müssen fossile Energieträger mit einer Kohlendioxidabgabe belegt werden.
Letztendlich werden wir aber auch an ordnungspolitischen Maßnahmen nicht vorbeikommen. Autos mit Benzin- und Dieselmotoren sowie Öl- und Gasheizungen dürfen schon recht bald nicht mehr neu
gebaut werden, sonst müssen wir diese später mit teuren Abwrackprämien wieder aus dem Verkehr ziehen. Wir brauchen also nicht nur eine politische Änderung, sondern eine komplett neue und mutige Politik, die den Klimaschutz und den Erhalt der Lebensgrundlagen künftiger  Generationen endlich ernst meint.


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