10.08.2016 / Natur- und Umweltschutz

Planierraupe, Wildschwein und Schwarzspecht

Hoppla, Lkw von vorn. Wer hier stärker ist, Lastwagen oder Geländewagen, steht nicht zur Debatte. Also zurücksetzen bis zum nächsten abzweigenden Forstweg. Der Fahrer dankt mit erhobenem Zeigefinger. Sein Fahrzeug zieht eine Staubfahne hinter sich her, die für einen Moment die Sicht versperrt. Geladen hat er Schotter, auf dem – zuvor verdichtet und planiert – in ein paar Wochen ein Kran stehen wird. Mit ihm werden Komponenten für Windenergie-Anlagen in luftige Höhen gehievt. Elf Turbinen sind es, die hier im Forstgebiet von Stadtkyll in der Westeifel, installiert werden. Es ist schwer was los im Wald.

Die Fahrt mit juwi-Bauleiter Ingo Wolf über die ebenfalls geschotterten Waldwege endet am Standort KA02. Mitarbeiter einer in der Region ansässigen Baufirma zeigen, was sie können. „Wir sehen hier, wie der Boden für das Fundament ausgehoben wird“, erklärt Wolf. Ein 250 PS starker Bagger lässt seine Muskeln spielen, hebt Schaufel für Schaufel auf einen Laster, dessen Fahrer den Boden ein paar Meter weiter ablädt. „Ziel ist es, eine ebene Stellfläche für den Kran herzustellen“, ergänzt Wolf, der seit 2011 bei juwi arbeitet. Für den Ausgleich der Massen werden in dem stark geneigtem Gelände rund 3.000 Kubikmeter Boden bewegt. 

Szenenwechsel. Gut 100 Kilometer weiter südöstlich geht es beschaulicher zu. Im Wald des Hunsrück-Örtchens Norath hat juwi vor zwei Jahren drei Anlagen gebaut, die seitdem sauberen Strom produzieren. Auch wenn es an diesem Morgen kalt ist, das Pfeifen und Zwitschern der hier beheimateten Vögel kündigt den Frühling an. „Das war gerade der Schwarzspecht“, erklärt Torsten Schopbach, der sich bei juwi als gelernter Forstwirt und Diplom-Wirtschaftsingenieur nicht nur mit der Technik, sondern auch mit dem Wald und seinen Bewohnern bestens auskennt. Der 46-Jährige ist zuständig für die Ausgleichsmaßnamen, die für die im Rahmen von Windparks entstandenen Eingriffe in die Natur vorgenommen werden.

Heute schaut er sich die Maßnahmen rund um die drei Anlagen in Norath an. „Wenn ein Windpark gebaut werden soll, wird ein externer Gutachter beauftragt, der sich den Standort genau anschaut und dann festlegt, welche Renaturierungsmaßnahmen umgesetzt werden“, erzählt Schopbach und läuft zielstrebig auf eine Streuobstwiese zu: 60 Bäumchen in drei Reihen und zehn Metern Abstand. Die Knospen sind schon ausgetrieben, die Blüte steht kurz bevor. „Hier wachsen unter anderem Eberesche, Speierling, Wildbirne und Holzapfel. Für uns Menschen ist das Obst nicht genießbar. Für das Wild, das sich hier tummelt, ist es ein echter Leckerbissen.“ Und dass auf der Wiese und den daneben angepflanzten Waldrandsträuchern einiges los ist, zeigt sich auch am Boden: „Hier waren Wildschweine unterwegs“, sagt Schopbach und deutet auf Spuren. Neben Rehen und Hirschen gibt es hier auch Dachse, Füchse und Wildkatzen. In der Brunftzeit kann man hier bis zu 60 Hirsche sehen. Deshalb sind die Bäumchen auch noch eingezäunt. „Momentan würden die Hirsche sie noch kaputt beißen. In ein paar Jahren kommen die Umzäunungen allerdings weg, dann sind die Bäume stark genug, ihre Kronen spenden Schatten, und die Tiere haben einen schönen Rückzugsort.“

 

 

Zurück in die Eifel. Neben dem Erdaushub für das hier zu gießende Fundament zieht ein Kabelpflug ein schwarzes Stromkabel von der mannshohen Trommel. Parallel zum Waldweg, auf 800 Meter Länge, pflügt die Maschine das Kabel ins Erdreich, ein kleinerer Bagger schüttet die Furche wieder zu. So geschieht das an allen elf Standorten, die zum Windpark Obere Kyll gehören. Schließlich muss die von den Rotoren der Vestas V-112 eingefangene Energie künftig zum Verbraucher transportiert werden.

In Norath schaut sich Torsten Schopbach unterdessen die Bestandsbäume an, die juwi im Rahmen der Ausgleichsmaßnahmen von der Gemeinde gekauft hat. Er kämpft sich zwischen kniehohen Sträuchern bis zu einer Buche vor: „Dieses Waldstück mit Eichen und Buchen wird nicht gehegt. Es darf alles wachsen, wie es will. Ein Stück pure Natur“, sagt Schopbach und greift an einen 140 Jahre alten, hoch aufragenden Baum. Ein paar hundert Meter weiter, neben den geschaffenen Waldwiesen, trifft der Forstwirt dann auf mannshohe Haufen voller Wurzeln. „Das sind Geheckmöglichkeiten, also Wurzelteller, die wir mit dem Radlader ganz dicht aneinander gepresst haben“, erläutert er. „Während der Bauphase verziehen sich die Wildkatzen. Wenn die Anlagen am Netz sind und der Baulärm vorüber ist, kommen sie in ihr altes Revier zurück. Hier, geschützt vor Füchsen und Wildschweinen, bringen sie dann ihre Jungen zur Welt.“

In der Eifel beeindruckt Ingo Wolf weiter mit Zahlen. Pro Anlage werden in der Regel 500 Kubikmeter Schotter angeliefert, für das Fundament werden 100 Tonnen Stahl verbaut und 650 Kubikmeter Beton gegossen. Einige der Standorte in der Eifel sind bereits präpariert für den nächsten Bauabschnitt: kreisrunde Flächen für das Fundament, eckige für den Kran. Bis zum Jahresende bleibt der Forst eine Baustelle – bis alle Anlagen installiert sind, die Flächenränder begrünt und auch hier Wurzelteller zu Rückzugsorten für die Wildkatze werden.  „Es ist immer erstaunlich, wie schnell sich die Tiere an die Anlagen gewöhnen. Der Störeffekt reduziert sich sehr schnell“, erzählt Wolf aus seiner Erfahrung. Im Gegenteil: „Für das Wild stellen die angegrünten Flächen rund um die Anlagen einen Mehrwert dar. Sie können hier weiden und finden Nahrung.“

Im Hunsrück meldet sich wieder der Schwarzspecht. Er nistet in Baumhöhlen ab zehn Metern Höhe. Er teilt sich seinen Wohnort sogar, denn am gleichen Stamm sind Nistkästen für Fledermäuse und Vögel angebracht. „Die Nistkästen hat ein begabter Jäger des Ortes gebaut“, sagt Schopbach und betont, wie Gemeinde, Forst und juwi gemeinsam darum bemüht sind, der Natur so viel Raum wie möglich zurückzugeben. Selbst ein vom Sturm abgebrochener Stamm wird Heim für vom Aussterben bedrohte Hornissen.

„Natürlich freut sich niemand, wenn ein Stück Wald für einen Windpark gerodet werden muss. Wir versuchen aber, das Ganze so naturverträglich wie möglich zu machen, forsten deshalb an anderer Stelle wieder auf und schaffen neue Lebensräume für das Wild“, erzählt Schopbach. Spätestens ein Jahr nach der Inbetriebnahme eines Windparks müssen Ausgleichsmaßnahmen umgesetzt sein. Nach weiteren drei Jahren wird zusammen mit der Naturschutzbehörde kontrolliert, ob sich die Maßnahmen beständig entwickelt haben und ordentlich gepflegt werden. Erst dann gilt eine Maßnahme als abgenommen. Die Bürokratie ist den Waldbewohnern egal. Wildkatze, Fledermaus, Reh und Fuchs: Sie alle haben ihr Gebiet zurückerobert, jagen und leben jetzt im Einklang mit den Turbinen über ihren Köpfen. „Die Natur findet eben immer ihren Weg zurück“, sagt Schopbach.


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