01.09.2014 / Natur- und Umweltschutz

Zwei Seiten einer Medaille

Er ist ein hübscher, aufgeweckter Kerl, der Raufußkauz. Er lebt in Nadelwäldern, ernährt sich hauptsächlich von Mäusen und brütet mit Vorliebe in von Spechten herausgehämmerten Baumhöhlen. Alles, was er zum Leben braucht, findet er am Hartenfelser Kopf, einer 480 Meter hohen Erhebung im Westerwald auf halber Strecke zwischen Hachenburg und Montabaur.

„Als 2006 hier zwölf Windenergie-Anlagen platziert wurden, standen einige Fragen im Raum“, berichtet Heike Mayrhofer, die den Bau des Windparks damals geleitet hat: Wie reagiert der Vogel auf die Veränderungen in seinem Zuhause? Gibt es akustische Beeinträchtigungen für Brutpaare, die in erster Linie über ihr Rufen zueinander finden? Zieht sich die kleine Eule womöglich komplett zurück aus dem Wald?

Keine Frage: Infrastrukturprojekte verändern die Lebensräume von Mensch und Tier. Bei der Nutzung der Windenergie ist dies besonders sichtbar. Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, brachte das Dilemma bei einer Tagung von BUND und NABU im Juni auf den Punkt: „Wir können die Anlagen nicht in den Keller stellen.“

So betreffen Veränderungen das Landschaftsbild, in der Regel aber auch die Pflanzen- und Tierwelt von sensiblen Ökosystemen. In der aufgeheizten Stimmung so mancher Bürgerversammlung gerät schnell aus dem Blick, dass Klimaschutz und Naturschutz zwei Seiten einer Medaille sind. Denn beide Seiten haben grundsätzlich das gleiche Anliegen: den Schutz des Naturhaushaltes und seiner Leistungsfähigkeit als Lebensgrundlage für heutige und künftige Generationen. Aus gutem Grund gibt es deshalb für jedes einzelne Windprojekt naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen. Gemeinsam mit Genehmigungsbehörden, Naturverbänden und Forstämtern vereinbart juwi, wo was konkret umgesetzt wird.

Am Hartenfelser Kopf hat das Forstamt in Zusammenarbeit mit juwi und Fachgutachtern dem Raufußkauz mit rund 20 Brutkästen zusätzliche Rückzugsorte geschaffen. Die Brutstätten wurden dort so tief im Baumbestand platziert, dass Heike Mayrhofer sie beim Besuch des Windparks auf Anhieb kaum wiederfindet. Als wir direkt vor einem der Nistplätzen stehen, erklärt die studierte Geografin: „Der Raufußkauz hat die Kästen gut angenommen.“

Mayrhofer arbeitet seit 2001 für juwi. Inzwischen leitet sie das Team Faunistik und Artenschutz. Ihre Einschätzung ist das Ergebnis eines Monitorings, das sie bei Torsten Loose in Auftrag gegeben hatte, der als Diplom-Forstingenieur und Ornithologe ein Mann vom Fach ist. Demnach konnten sogar in der Nähe der Anlagen regelmäßig erfolgreiche Bruten des Raufußkauzes nachgewiesen werden. „Ein direktes Meideverhalten scheint demnach nicht vorzuliegen“, sagt Heike Mayrhofer.

Bei unserer Wanderung durch den Windpark wird erkennbar: Vieles, was 2006 noch Baustelle war, ist zugewachsen. Es summt und surrt: Bienen und Mücken, Schmetterlinge und Grillen tummeln sich in der Sommerhitze. Der Insektenreichtum bietet Fledermäusen eine Nahrungsgrundlage, die ein reiner Fichtenwald so nicht hergibt. Ein künstlich angelegter, kleiner Tümpel dient als Wasserspender. Laubbäume, die am Wegesrand und an Kranstellflächen gepflanzt wurden, haben sich ausgebreitet. „Sukzessionsaufforstung mit Initialpflanzungen“ heißt der Fachbegriff: Ein Baum wird gepflanzt, er wächst, verbreitet sein Erbgut, neue Bäume wachsen heran, die das Spiel fortsetzen. „Diese Artenvielfalt hätten wir nicht ohne die Ausgleichsmaßnahmen“, erklärt Mayrhofer.

An anderer Stelle überlässt der Mensch den Wald ganz sich selbst. 78 Bäume dürfen ihre natürlichen Lebensstadien ungestört passieren: Wachsen, Absterben, Verwesen. Keine Rodung, keine Rohstoffnutzung. Je nach Stadium dienen diese Bäume unterschiedlichen Tierarten als Lebensraum. Darüber hinaus hat juwi die Wiederaufforstung von einer 35.000 Quadratmetern großen Fläche initiiert – als Ausgleich für die Standorte, die dem Wald für den Windpark verloren gegangen sind.

Vom Westerwald geht es weiter südlich in den Hunsrück. Hier im Soonwald ist die Wildkatze zu Hause – und seit dem Jahr 2012 auch 16 Enercon-Anlagen, die hoch über der Autobahn A61 sauberen Windstrom produzieren. Gleichzeitig sind aus dem gerodeten Nadelholz südlich des Dörfchens Ellern potenzielle Kinderstuben für die Wildkatze entstanden. „Das Wurzelwerk musste für die Windrad-Fundamente ohnehin aus dem Boden gezogen werden“, sagt Projektmanager Jens Baecker beim Besuch vor Ort.

Knapp 20 Wurzelteller-Haufen sind mit diesem Material im Windpark angelegt worden. „Die Wildkatze kann sich hier im Frühjahr zurückziehen und entsprechend geschützt ihre Nachzucht großziehen“, erklärt Baecker. Darüber hinaus sind auch im Windpark Ellern Gewässerbiotope angelegt, Laubbäume gepflanzt und Fledermauskästen installiert worden, um nur einige Beispiele aus dem Katalog der Ausgleichsmaßnahmen zu nennen. So entstehen dort, wo durch Windkraft umwelt- und klimafreundlicher Strom erzeugt wird, vielerorts neue Lebensräume für aufgeweckte Waldbewohner wie die Wildkatze oder den Raufußkauz.


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